Einer meiner Klassenkameraden der Realschule Duisburg-Beeck bringt Anfang 2010 ein Buch unter dem Titel Fünf vor Hartz 4 heraus. Es beschreibt seine sehr bewegte Lebensgeschichte.
Als Beispiel eine kleine Leseprobe über unsere gemeinsame Schulzeit und das Klassentreffen der 10b von 1966:
KLASSENTREFFEN
( ein kleiner besinnlicher Ausflug in die Vergangenheit )
Als ich vor knapp vierzig Jahren meine Realschulzeit beendete, hätte
ich nicht viel über meine fast 1o-jährige Schulzeit schreiben können.
Es fehlte sicher nicht am erforderlichen Material, davon war reichlich
vorhanden. Die Erlebnisse, über die man hätte schreiben können, waren
damals noch frisch und hätten unzählige Seiten gefüllt. Der Anteil über
die verlorene Fußballweltmeisterschaft gegen die ungeliebten Engländer
wäre wohl Hauptbestandteil dessen gewesen, was ein 15 – 17-jähriger zu
schreiben gehabt hätte. Na ja, ich will da die Mädels nicht vergessen,
die für die meisten von uns wohl noch erwähnenswert waren.
Ich habe heute das Gefühl, dass ich damals gar nicht so recht begreifen
konnte, dass mit einem Mal die Schulzeit zu Ende sein sollte. Von heute
auf morgen wechselst Du die Fahrtrichtung deines Fahrrades und fährst
nicht mehr zur Schule, sondern, als sei es das selbstverständlichste
auf der Welt, zu deiner Lehrstelle, die du unter maßgeblicher
Mitwirkung deiner Mama doch gerade erst bekommen hast. Ich war damals,
es war im Dezember 1966, gerade 15 Jahre und 176 Tage alt, als ich
morgens um 7.30 Uhr meine Ausbildung zum Steuerfachgehilfen begann. Die
Schulzeit lag hinter mir, die mittlere Reife in der Tasche und die
neuen Eindrücke sorgten schnell dafür, dass die alten Schulkameraden
und der durch die Mitwirkung einer Sowjetisch – schweizerischen
Schiedsrichter Connection nicht gewährte Fußballweltmeistertitel
schnell in die zweite Reihe zurückgedrängt wurden. Damals dachte ich
noch nicht einmal darüber nach, dass und warum diese beiden für mich
wichtigen Dinge meines bisherigen Lebens ins Abseits verdrängt waren.
So wie ich mich erinnere, begann meine Schulzeit in der
Gustav-Stresemann-Realschule Duisburg - Beeck am 1. April 1961 und
endete im November 1966 nach Absolvierung eines so genannten
Kurzschuljahres. Ich kann noch nicht einmal in meine Schulzeugnisse
sehen und diese Daten überprüfen, da mir meine Ex-Frau diese wichtigen Zeitzeichen meines Lebens nicht aushändigt, wohl weil sie
diese immer wieder als Motivationsinstrument für meine zwei Töchter
eingesetzt hat und verhindern wollte, dass ihre Töchter so werden
könnten wie ihr Vater.
Nun, meine Erinnerungen machen mir schon klar, dass meine Töchter
wesentlich bessere Zeugnisse haben als ich, aber, so kann ich immer
wieder sagen, es waren damals ja auch andere Zeiten, wir hatten gerade
den zweiten Weltkrieg und den ersten großen Wirtschaftsaufschwung
hinter uns. Von beiden Ereignissen habe ich nichts erleben müssen,
bzw. dürfen, aber wir hatten die Beatles, die Rolling Stones, Doors,
Bob Dylan, Who, Jimmy Hendrix, Elvis, Marilyn, Richard Widmark - und
Woodstock und die 68er und das wilde Leben noch vor uns.
Es erfüllt mich mit Wehmut, wenn ich an diese Zeiten denke. Da stellt
sich mir die Frage, warum habe ich damals einen solch radikalen Schnitt
gemacht und von heute auf morgen auf die gewachsenen Freund- und
Kameradschaften zu meinen alten Schulkollegen verzichtet?
Die Antwort liegt wohl tatsächlich im Wechsel der Ereignisse und dem
Beginn neuer Lebensabschnitte und deren Eindrücke. Wir konnten zwar
alle gemeinsam über viele Jahre dieselbe Schulklasse besuchen, aber
wir hatten alle die verschiedensten Lebensziele. Jeder übte plötzlich
einen Beruf aus, wir fuhren morgens nicht mehr gemeinsam mit dem
Fahrrad zur Schule, sondern jeder für sich zu seinem Arbeitsplatz,
unser Lebensinhalt änderte sich von einem Tag auf den anderen. Ich bin
aber sicher, dass der eine oder andere abends dieselbe Diskothek oder
Kneipe besuchte, nur eben in anderer Begleitung als mit den alten
Schulkollegen.
Wie sich erst kürzlich herausstellte, hatten einige von uns sogar
dieselben Freundinnen, wenn auch nicht zur gleichen Zeit, aber immerhin
zeigte Elke meinem alten Schulfreund Manni mal ein Foto von mir und
sagte ihm, dass der hübsche junge Bengel ihr Freund sei. Manni erkannte
mich natürlich sofort wieder und musste seine Absichten mit Elke zu
gehen, wohl früher oder später dann doch begraben.
Ich habe Manni vor zwei Monaten nach über vierzig Jahren erstmals wieder gesehen.
Es war an einem wunderschönen, warmen Frühlingstag im April 2007, als
mich meine Frau Linda auf dem Parkplatz des Schullandheimes Hollerath
absetzte und mir eine gute Zeit mit meinen alten Schulfreunden
wünschte. Nachdem ich ausgestiegen war und die wenigen Schritte zum
Heim ging, wusste ich, dass diese Begegnung schon längst überfällig
war.
Als ich mich dann, anstatt über den Eingangsweg das Grundstück zu
betreten, durch die Büsche schlug, war mir klar, ich lass mich nicht
aufhalten, die Jungs endlich wieder zu sehen.
Was ist das für ein Gefühl, wenn man dann nach vierzig Jahren den alten
Kumpels gegenüber steht und nicht mehr weiß, wer wer ist und wie Du sie
ansprechen sollst? Du kannst Dich an jeden einzelnen Vor- und Nachnamen
erinnern, aber Dir fehlt jegliche Zuordnung. Dass das so kommen würde, war mir ja schon vorher klar, aber die
Situation war wesentlich unkomplizierter, als ich sie mir vorgestellt
habe. Alle, die ich nicht erkannte, das war auch der größte Teil der
Truppe, hatten riesiges Verständnis und halfen mir bei der
Namensfindung. Mein Gott, vierzig Jahre, weißt Du eigentlich wie lang das ist?
Vor vierzig Jahren haben wir unsere Englischlehrerin noch mir Erbsen
aus dem Blasrohr beschossen und so lange auf ihre Brüste gestarrt, bis
sie dann schreiend das Klassenzimmer verließ und auf der Treppe unserem
Direx schluchzend mit den Worten: “Hilfe, ich komme aus der Hölle“ in
die Arme stürzte. Damals, als die altbewährten Jungenklassen mit
Mädchen, um Gottes Willen, nein, bestückt werden sollten, zogen einige
von uns Spätpubertierenden noch mit Spruchbändern gegen die Aufnahme
von Weibern über den Schulhof. Kaum vorstellbar, nur wenige Wochen
später sah man einige von uns mit den Mädels knutschend in der Ecke
stehen.
Ist das Leben nicht schön?!
Worüber reden eigentlich mittlerweile ergraute, Mittfünfziger und ihr
über 70jähriger Klassenlehrer miteinander, dann noch ohne weibliche
Begleitung?
Ich fand es beeindruckend, dass keine Wartezimmergespräche über
Potenzstörungen und Problemen beim Wasserlassen geführt wurden und
auch kein Wort über Störungen der Libido.
Die Themen waren tatsächlich erwachsener, nur Manni hatte
Schwierigkeiten mit und wohl auch ohne Alkohol. Er reicherte die
Gesprächsthemen immer wieder mit dem Anteil Alkohol auf, der nicht
zuließ, dass man ihn verstand.
Da sitzen rund vierzehn Mitt- bis Endfünfziger gemeinsam mit ihrem
Klassenlehrer Willi und erzählen von ihren Erlebnissen vergangener
Zeiten, so als wären sie gerade erst geschehen. Willi wies uns mehrfach
darauf hin, dass er alle Klassenbücher der alten 10b vorne im Flur,
neben dem Pilsfass ausgelegt habe und sich jeder seine eigenen und die
Schandtaten der Kollegen ansehen könne. „Sach bloß, ich steh au´ da
drin, kann do gar nich sein, äh, ich do nich.“ So oder so ähnlich kam
es mir über die Lippen. Wär ja auch ne Schande, wenn da einer von uns
nich drin´n stehn würde, oder?
Es war damals auch eine sehr sportliche Zeit für mich. Jeden Tag fuhren
Jürgen und ich mit unseren Fahrrädern von Dinslaken nach Duisburg-Beeck
und wieder zurück. Oft genug verbreiteten unsere nassen Baum-wollhosen
nach endlosen Regengüssen im Klassenraum den schweren Duft eines
Feuchtbiotopes. Wegen der damals noch nicht vorhandenen Mädels in
unserer Schule wurde unsere Eitelkeit dadurch nur geringfügig
beeinträchtigt.
Wen stört da schon der Mief, wenn man doch grade noch die Straßenbahn
Linie 1 mal eben locker stehen gelassen hatte. Nur das zählt!
Wir haben damals unser Geld für die Straßenbahnfahrkarte lieber in die
damals noch als Mohrenköpfe gehandelten Schaumküsse investiert, die wir
in den Pausen genüsslich verdrückten.
Apropos Fahrkarten. Straßenbahnfahrten waren in den Sechzigern Luxus für eine Arbeiterfamilie.
Als ich später meinen Kindern den Vorschlag machte, doch mit dem Bus
oder der Straßenbahn zu fahren, musste ich mich tagelang mit dem
sozialen Status innerhalb der Familie auseinandersetzen.
„Wie kannst du so was nur deinen Kindern antun? Mein Gott, du kannst
deine Kinder doch wohl auf der Fahrt ins Büro zur Schule bringen.“ Was
wäre wohl aus den Kleinen geworden, hätte ich damals schon das Argument
über die Folgen des Klimawandels durch unnötige Autofahrten gehabt !?
Ja, die Not wächst mit den Ansprüchen.
Ich komme noch einmal auf die sportliche Zeit zurück. Diese tägliche
Fahrradtouren machten mich tatsächlich nicht unbedingt sportlicher. Im
Sportunterricht begnügte ich mich zwangsläufig, wohl wegen der großen
Leistungsfähigkeit meiner Mitstreiter, wie in der Politik mit einem
Überhangsmandat. Ich hatte eben Glück mitzulaufen und unter die letzten
zu kommen.
Da war aber noch eine Sache, die ich bis heute noch nicht geklärt habe, das Kurzschuljahr. Wir hatten damals im Vorfeld der 68er Weltkulturrevolution schon unsere
ersten Erfahrungen mit den Veränderungen dieser Welt machen müssen.
Erst kamen die Mädchen an unsere Schule, was ja auch gut war, wer weiß,
vielleicht wäre sonst die Hälfte unserer 10b irgendwann mal schwul
geworden. Das wär´ ja nicht so dramatisch, wie man es hätte damals
vermuten können. So hätte man sich außer zu den Klassentreffen immer
noch mal hin und wieder in Köln treffen können.
Die zweite große Veränderung im Dasein eines Schülers war die
Einführung des Kurzschuljahres im Jahr 1966. Auch die
Gustav-Stresemann-Realschule in Duisburg - Beeck schickte ihre
elitären, nach Wissen gierenden Insassen in das im April 1966
beginnende und im November 1966 endende Kurzschuljahr. Eine vorzeitige
Entlassung aus der Anstalt war angesagt, aber es machten nicht alle
mit. So, da endet mein Erinnerungsvermögen, ich schmeckte nicht den
Alkohol des Abschlussballs, hatte nicht meinen ersten Schmusetanz mit
einem fremden Mädel und nicht nur mit meiner Cousine, irgendwo auf
einem plattdeutschen Bauernabend. Was war geschehen?
Jetzt endlich, nach vierzig Jahren schmerzhafter Ahnungslosigkeit, habt
ihr, liebe Schulkollegen, mich endlich über Euer heldenhaftes
Durchhaltevermögen über das Kurzschuljahr hinaus aufgeklärt. Da gab es
doch eine Gruppe von Widerständlern in der 10b, die sich weigerten, die
Schule zu verlassen. Beeindruckend, Ihr hattet ja so Recht, carpe diem,
warum nicht ein halbes Jahr lang mehr?
Die Zeit kann Euch keiner nehmen. Den Abschlussball auch nicht, ich
habe die Fotos gesehen und mich gewundert, wo die Mädels herkamen. Ich
hatte weder einen Abschlussball, noch …, o.k., das kam auch noch, aber
ein bisschen später. Ich denke schon seit dem ich dieses Kapitel
schreibe darüber nach, dass ich wohl doch während meiner Schulzeit
zeitweise wie ein Maulwurf gelebt habe, einfach zu langsam und nichts
mitgekriegt, was an der Oberfläche abging.
Nun gut, Leute, dieser Nachmittag im Schullandheim war für mich eine
große Bereicherung und hat mir die damalige Zeit wieder ein bisschen
näher gebracht. Ich habe mittlerweile meine Maulwurfgänge verlassen und
blicke schon wieder ein wenig klarer durchs Leben, als es noch vor dem
Ende meines vermeintlichen Endes war.
Dafür danke ich Euch, 10b.
Die ISBN-Nr. lautet: 9783839144831 Titel: FÜNF VOR HARTZ VIER - Das verwehrte Recht auf Arbeit Autor: Jan Tjade (Pseudonym) erschienen im BoD Books on Demand Verlag
Voraussichtliches Erscheinungsdatum ist der 5.2.2010 Ladenpreis: 14,95 EUR im Paperback