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 Die Notwendigkeit, endlich mal umzudenken

(Beitrag vom 02.05.2018 korrigiert am 08.06.2018)

Den Kapitalisten, auf den sich die linke Szene für alles Böse dieser Welt gern beruft.......gibt es den überhaupt noch?


Die Tage, in einer abendlichen Diskussion ist es mir wieder aufgefallen, die linke Szene erreicht die Menschen nicht mehr. Woran mag es liegen?

Dafür gibt es sicherlich etliche Ursachen, aber eine ist mir an diesem Abend besonders aufgefallen. Die Linke bedient sich noch dem Vokabular und den Lösungsvorschlägen aus dem Zeitalter der industriellen Revolution gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Gibt es DEN Kapitalisten eigentlich noch?

Selbst beim Thema Migration und Flüchtlinge - speziell der Bereich Fluchtursachen - hier taucht er immer wieder auf, der Kapitalist, der die Länder ausbeutet, der dafür sorgt, dass die Menschen in ihrer Heimat ihrer Lebensgrundlagen beraubt werden und somit flüchten müssen. Absolut unbestritten ist die Mitschuld dieses Systems mit sogenannten Freihandelsabkommen, die oft nur den Starken Gewinn bringen.  So kann es sein, dass die EU-Fischereiflotten die westlichen Küsten Afrikas leer fischen und für die eingeborene Bevölkerung bleibt nichts mehr übrig. So geschieht es, dass Unmengen von hier nicht verkaufbaren Geflügelstücken die afrikanischen Märkte überschwemmen, so das eine eigene Zucht nicht mehr lohnt und ie Menschen dort in Abhängigkeiten gedrängt werden.
Aber ist das wirklich DIESER "Kapitalist", der dahinter steckt, oder sind das womöglich auch andere Kräfte?

Ich stellte mir genau diesen bösen Kapitalisten vor, als nebulöse graue Gestalt mit hohem Hut, immer auf seinen Vorteil bedacht, auf den sich auch Karl Marx zusammen mit  Friedrich Engels als einflussreiche Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts berufen haben. Damals waren sie zu finden und somit auch kein Wunder, dass eine große Arbeiterbewegung entstand. Und ja, natürlich haben sie ihre Arbeiter ausgebeutet und für ihre Zwecke eingespannt.

Versuchen wir uns heute noch einmal dieses Schreckgespenst des Kapitalisten dieser Zeit vor Augen zu führen, was kein großes Problem sein sollte.
Sie waren meist risikofreudige Gesellen (eigentlich nur Männer), die Ideen umgesetzt haben, Firmen gründeten und mit denen versuchten, möglichst viel Geld zu verdienen. Was ihnen sicherlich, gerade mit Aufkommen der Arbeiterbewegung schnell klar wurde, ohne ihre Arbeiter geht das nicht. So wie die Arbeiter abhängig (damals sogar sehr abhängig) von ihren Kapitalisten waren, so waren diese auch abhängig von ihren Arbeitern. Denn alles, was diese Arbeiter erschafften oder produzierten, füllte die Taschen dieser Kapitalisten. Und ja, man glaubt es kaum, aber dies konnte natürlich auch mal in die Hose gehen. Da war dieser Kapitalist auf einmal pleite, weil er falsch gerechnet, die Märkte falsch eingeschätzt, oder einfach mal kein Glück gehabt hatte.

Ich erinnere mich noch gut daran, als in den 50’er und 60’er Jahren die Mitarbeiter von Mannesmann (heute längst zerpflückt, filetiert, stillgelegt und verkauft) sehr preiswerte, werkseigene Häuser und Wohnungen zur Miete angeboten bekommen haben. Ja, in den 60’er Jahren gab es sogar Firmengrundstücke sehr preiswert für Werksangehörige zu kaufen um ein Häuschen darauf zu setzen. Selbst bei der Finanzierung wurde einem auch über sehr günstige Werksdarlehen geholfen. Das gab die dringend notwendige Sicherheit.

Gut, werden jetzt einige sagen, das war auch den damals starken Gewerkschaften und Betriebsräten geschuldet. Natürlich war es das, aber auch der Konzern wusste, ohne seine Arbeiter, die auch zufrieden gestellt werden mussten, läuft so gut wie nichts.

Doch betrachten wir uns, was wir mit dem Begriff des Kapitalisten in heutiger Zeit anfangen können. Gern bemüht, immer wieder und in nahezu jeder Rede als Ursache allen Übels dieser Welt heran gezogen, findet er eine breite Plattform in den Argumentationen und Diskussionen der Linken der heutigen Zeit.
Versuchen wir uns diesen Kapitalisten der heutigen Zeit doch einfach mal vorzustellen um zu begreifen, warum die Linken mit dieser Art Argumentation kaum mehr einen erreicht. Dabei ist die Lösung doch so einfach - DIESEN Kapitalisten gibt es schon lange nicht mehr, nur die Linken haben das noch nicht bemerkt, aber fühlen tut das sicher jeder.

Es wird dringend Zeit, diese Gedanken auch mal im linken Spektrum intellektuell umzusetzen, anstatt immer nur gegen das rechte Lager zu kämpfen.
Es ist sowieso fraglich, ob ein Kampf gegen ein anderes Lager überhaupt sinnvoll ist, oder ob es nicht besser wäre, Menschen mit eigenen bewegenden Visionen, verständlicher und zeitgemäßer Sprache und Argumenten mitzunehmen

Das durch den ursprünglichen Kapitalisten geführte Unternehmen gibt es fast nicht mehr. Er ist spätestens seit den üblichen Börsennotierungen und mit der Einführung der neoliberalen globalen Märkte nahezu verschwunden. Und natürlich gibt es ihn vereinzelt noch, wie zum Beispiel die Aldi-Brüder und ein paar andere. Die große Anzahl der mittelständischen und inhabergeführten Unternehmen möchte ich jetzt bewusst nicht dazu zählen. 

Wer sind sie nun diese Kapitalisten, die die Großkonzerne steuern? Wo sitzen sie?
Da genau fangen die Probleme an. Die einzelnen „Kapitalisten“ gibt es in diesem Spektrum nicht mehr. Er ist längst zum anonymen Spekulaten geworden. Ohne Bezug zum Unternehmen und ohne Bezug zur Arbeiterschaft. Manchmal weiß er noch nicht einmal, welches Unternehmen ihm anteilig gehört, er lässt es verwalten durch sogenannte Fondsverwalter die sich in Banken oder speziellen Unternehmen darstellen.

Betrachten wir uns einmal eines dieser Fonds- oder Vermögensverwalter. Die erst um die Jahrtausendwende an der Börse notierten BlackRock ist sicher eine der mächtigsten Finanzierer weltweite (in 18 Jahren!), vor der man schon Angst bekommen kann. Sie verwalten eine Vermögensmasse von über 6 Billionen US-Dollar. Das ist soviel, dass sie damit ganze Staaten in die Knie zwingen und jede Firma dieser Welt kaufen, filetieren und mit Gewinn in Einzelteilen weiter verkaufen können. Der Arbeitnehmer spielt dabei keine Rolle, er zählt halt zu den Human Resources und mit ein wenig Glück wird er mit verkauft, oder bleibt einfach auf der Strecke. Da werden ganze Firmen und das Know-How verschachert, egal wohin. Welcher Investor den Zuschlag bekommt, ist egal, Hauptsache der Gewinn stimmt. So funktioniert der Ausverkauf ganzer Industrienationen.

Man stellt sich dann schnell die Frage, welche Bodenschätze haben wir in unserem Land? Wodurch ist eigentlich der bisherige Erfolg unseres Landes begründet? Sicher nicht durch Bodenschätze, sondern durch sehr gute Entwicklungs-, Industrie- und Ingenieursleistung. Doch die werden ausverkauft, was ein alter Kapitalist des vergangenen Jahrhunderts sicher nie gemacht hätte.

Bei dieser Betrachtung sollte man nicht vergessen, es sind nicht DIE bösen Kapitalisten, die ihr Geld, womöglich sogar ihre Alterssicherung, durch z.B. BlackRock verwalten und vermehren lassen, unter ihnen sind sehr viele einfache Menschen wie du und ich.

Unsere Welt ist so undurchsichtig, oft auch sehr unmenschlich geworden. Menschen bekommen Angst, Angst im ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder.
Wie geht es weiter, wie gewinnt man dieses bisschen Sicherheit zurück, die einem das Leben so sehr erleichtert und die doch so notwendig ist?

Auf der einen Seite kommen jetzt weltweit die sogenannten Populisten, die mit einfachen "Wahrheiten" Menschen gewinnen können. Auf der anderen Seite versucht man über Ideologien und Vokabeln des längst vergangenen 19. Jahrhunderts dagegen zu steuern. Das wird nicht gelingen. Denn es spuken längst völlig neue und für uns Menschen sicher sehr bedrohliche Szenarien durch die Welt.

Um nur einige aufzuzählen, an erster Stelle stehen da Industrie 4.0, KI-Systeme, Roboter, outsourcing und Massenmigration. Eines, was bei oberflächlicher Betrachtung eigentlich gar nicht zu diesen Themen passt, ist das Wiedererstarken längst als Überwunden angesehener mittelalterlicher Glaubensvorstellungen.


PS.

Gerade habe ich eine empörte Rückmeldung auf den Artikel bekommen, in der bestritten wird, dass es den von mir geschilderten Kapitalisten nicht mehr gibt. Meine Antwort hierzu:

Ich würde nicht auf die Idee kommen, dass es den ausgebeuteten Arbeitnehmer nicht gibt. Nein, die Ausbeutung wird sogar viel mehr und wird noch zunehmen.
Ich schrieb davon, dass es nicht mehr DER Kapitalist des frühen 20. Jahrhunderts ist, sondern das es viel schlimmer geworden ist. Heute beherrschen global agierende anonyme Fonds die Systeme. Denen ist egal, was aus den Firmen wird. Das war den alten Kapitalisten sicherlich nicht egal, denn sie lebten von ihren Firmen und dem Ertrag, den ihre Arbeitnehmer schafften. Die neuen "Kapitalisten" leben viel zu oft vom Verkauf genau dieser Firmen an den Meistbietenden, das ist ein gewaltiger Unterschied. Heute gelten völlig neue Maßstabe und auch durch die Globalisierung bedingte viel weiter reichende Dimensionen. Die lassen sich nicht mehr mit den Mitteln, Argumentationen und Begriffen des frühen 20. Jahrhunderts analysieren um möglicherweise gegenzusteuern..


Noch nie war ein Mensch so wenig wert wie heute - ein Artikel aus der FAZ.