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 Fünf vor Hartz 4 - Wilhelm Hagen

(Beitrag vom 11.12.2009 korrigiert am 31.03.2011)


Einer meiner Klassenkameraden der Realschule Duisburg-Beeck bringt Anfang 2010 ein Buch unter dem Titel Fünf vor Hartz 4 heraus.
Es beschreibt seine sehr bewegte Lebensgeschichte.

Als Beispiel eine kleine Leseprobe über unsere gemeinsame Schulzeit und das Klassentreffen der 10b von 1966:


 
KLASSENTREFFEN

( ein kleiner besinnlicher Ausflug in die Vergangenheit )

Als ich vor knapp vierzig Jahren meine Realschulzeit beendete, hätte ich nicht viel über meine fast 1o-jährige Schulzeit schreiben können. Es fehlte sicher nicht am erforderlichen Material, davon war reichlich vorhanden. Die Erlebnisse, über die man hätte schreiben können, waren damals noch frisch und hätten unzählige Seiten gefüllt. Der Anteil über die verlorene Fußballweltmeisterschaft gegen die ungeliebten Engländer wäre wohl Hauptbestandteil dessen gewesen, was ein 15 – 17-jähriger zu schreiben gehabt hätte. Na ja, ich will da die Mädels nicht vergessen, die für die meisten von uns wohl noch erwähnenswert waren.

Ich habe heute das Gefühl, dass ich damals gar nicht so recht begreifen konnte, dass mit einem Mal die Schulzeit zu Ende sein sollte. Von heute auf morgen wechselst Du die Fahrtrichtung deines Fahrrades und fährst nicht mehr zur Schule, sondern, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt, zu deiner Lehrstelle, die du unter maßgeblicher Mitwirkung deiner Mama doch gerade erst bekommen hast. Ich war damals, es war im Dezember 1966, gerade 15 Jahre und 176 Tage alt, als ich morgens um 7.30 Uhr meine Ausbildung zum Steuerfachgehilfen begann. Die Schulzeit lag hinter mir, die mittlere Reife in der Tasche und die neuen Eindrücke sorgten schnell dafür, dass die alten Schulkameraden und der durch die Mitwirkung einer Sowjetisch – schweizerischen  Schiedsrichter Connection nicht gewährte Fußballweltmeistertitel schnell in die zweite Reihe zurückgedrängt wurden. Damals dachte ich noch nicht einmal darüber nach, dass  und warum diese beiden für mich wichtigen Dinge meines bisherigen Lebens ins Abseits verdrängt waren.

So wie ich mich erinnere, begann meine Schulzeit in der Gustav-Stresemann-Realschule Duisburg - Beeck  am 1. April 1961 und endete im November 1966 nach Absolvierung eines so genannten Kurzschuljahres. Ich kann noch nicht einmal in meine Schulzeugnisse sehen und diese Daten überprüfen, da mir meine Ex-Frau diese wichtigen Zeitzeichen meines Lebens nicht aushändigt, wohl weil sie diese immer wieder als Motivationsinstrument für meine zwei Töchter eingesetzt hat und verhindern wollte, dass ihre Töchter  so werden könnten wie ihr Vater.

Nun, meine Erinnerungen machen mir schon klar, dass meine Töchter wesentlich bessere Zeugnisse haben als ich, aber, so kann ich immer wieder sagen, es waren damals ja auch andere Zeiten, wir hatten gerade den zweiten Weltkrieg und den ersten großen Wirtschaftsaufschwung hinter uns. Von beiden Ereignissen habe ich  nichts erleben müssen, bzw. dürfen, aber  wir hatten die Beatles,  die Rolling Stones, Doors, Bob Dylan, Who, Jimmy Hendrix, Elvis, Marilyn, Richard Widmark -  und Woodstock und  die 68er und das wilde Leben  noch vor uns.

Es erfüllt mich mit Wehmut, wenn ich an diese Zeiten denke. Da stellt sich mir die Frage, warum habe ich damals einen solch radikalen Schnitt gemacht und von heute auf morgen auf die gewachsenen Freund- und Kameradschaften zu meinen alten Schulkollegen verzichtet?

Die Antwort liegt wohl tatsächlich im Wechsel der Ereignisse und dem Beginn neuer Lebensabschnitte und deren Eindrücke. Wir konnten zwar alle gemeinsam über viele Jahre  dieselbe Schulklasse besuchen, aber wir hatten alle die verschiedensten Lebensziele.  Jeder übte plötzlich einen Beruf aus, wir fuhren morgens nicht mehr gemeinsam mit dem Fahrrad zur Schule, sondern jeder für sich zu seinem Arbeitsplatz, unser Lebensinhalt änderte sich von einem Tag auf den anderen. Ich bin aber sicher, dass der eine oder andere abends dieselbe Diskothek oder Kneipe besuchte, nur eben in anderer Begleitung als mit den alten Schulkollegen.

Wie sich erst kürzlich herausstellte, hatten einige von uns sogar dieselben Freundinnen, wenn auch nicht zur gleichen Zeit, aber immerhin zeigte Elke meinem alten Schulfreund Manni mal ein Foto von mir und sagte ihm, dass der hübsche junge Bengel ihr Freund sei. Manni erkannte mich natürlich sofort wieder und musste seine Absichten mit Elke zu gehen, wohl früher oder später dann doch begraben.
 
Ich habe Manni vor zwei Monaten nach über vierzig Jahren erstmals wieder gesehen.
 
Es war an einem wunderschönen, warmen Frühlingstag im April 2007, als mich meine Frau Linda auf dem Parkplatz des Schullandheimes Hollerath absetzte und mir eine gute Zeit mit meinen alten Schulfreunden wünschte. Nachdem ich ausgestiegen war und die wenigen Schritte zum Heim ging, wusste ich, dass diese Begegnung schon längst überfällig war.

Als ich mich dann, anstatt über den Eingangsweg das Grundstück zu betreten, durch die Büsche schlug, war mir klar, ich lass mich nicht aufhalten, die Jungs endlich wieder zu sehen.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man dann nach vierzig Jahren den alten Kumpels gegenüber steht und nicht mehr weiß, wer wer ist und wie Du sie ansprechen sollst? Du kannst Dich an jeden einzelnen Vor- und Nachnamen erinnern, aber Dir fehlt jegliche Zuordnung.
Dass das so kommen würde, war mir ja schon vorher klar, aber die Situation war wesentlich unkomplizierter, als ich sie mir vorgestellt habe. Alle, die ich nicht erkannte, das war auch der größte Teil der Truppe, hatten riesiges Verständnis  und halfen mir bei der Namensfindung. 
Mein Gott, vierzig Jahre, weißt Du eigentlich wie lang das ist?

Vor vierzig Jahren haben wir unsere Englischlehrerin noch mir Erbsen aus dem Blasrohr beschossen und so lange auf ihre Brüste gestarrt, bis sie dann schreiend das Klassenzimmer verließ und auf der Treppe unserem Direx schluchzend mit den Worten: “Hilfe, ich komme aus der Hölle“ in die Arme stürzte. Damals, als die altbewährten Jungenklassen mit Mädchen, um Gottes Willen, nein, bestückt werden sollten, zogen einige von uns Spätpubertierenden noch mit Spruchbändern gegen die Aufnahme von Weibern über den Schulhof.  Kaum vorstellbar, nur wenige Wochen später sah man einige von uns mit den Mädels knutschend in der Ecke stehen.

Ist das Leben nicht schön?!

Worüber reden eigentlich mittlerweile ergraute, Mittfünfziger und ihr über 70jähriger Klassenlehrer miteinander, dann noch ohne weibliche Begleitung?

Ich fand es beeindruckend, dass keine Wartezimmergespräche über Potenzstörungen und Problemen beim Wasserlassen geführt wurden und auch kein Wort über Störungen der Libido.

Die Themen waren tatsächlich erwachsener, nur Manni hatte Schwierigkeiten mit und wohl auch ohne Alkohol. Er reicherte die Gesprächsthemen immer wieder mit dem Anteil Alkohol auf, der nicht zuließ, dass man ihn verstand.

Da sitzen rund vierzehn Mitt- bis Endfünfziger gemeinsam mit ihrem Klassenlehrer Willi und erzählen von ihren Erlebnissen vergangener Zeiten, so als wären sie gerade erst geschehen. Willi wies uns mehrfach darauf hin, dass er alle Klassenbücher der alten 10b vorne im Flur, neben dem Pilsfass ausgelegt habe und sich jeder seine eigenen und die Schandtaten der Kollegen ansehen könne. „Sach bloß, ich steh au´ da drin, kann do gar nich sein, äh, ich do nich.“ So oder so ähnlich kam es mir über die Lippen. Wär ja auch ne Schande, wenn da einer von uns nich drin´n stehn würde, oder?

Es war damals auch eine sehr sportliche Zeit für mich. Jeden Tag fuhren Jürgen und ich mit unseren Fahrrädern von Dinslaken nach Duisburg-Beeck und wieder zurück. Oft genug verbreiteten unsere nassen Baum-wollhosen nach endlosen Regengüssen im Klassenraum den schweren Duft eines Feuchtbiotopes. Wegen der damals noch nicht vorhandenen Mädels in unserer Schule wurde unsere Eitelkeit dadurch nur geringfügig beeinträchtigt.

Wen stört da schon der Mief, wenn man doch grade noch die Straßenbahn Linie 1 mal eben locker stehen gelassen hatte. Nur das zählt!

Wir haben damals unser Geld für die Straßenbahnfahrkarte lieber in die damals noch als Mohrenköpfe gehandelten Schaumküsse investiert, die wir in den Pausen genüsslich verdrückten.

Apropos Fahrkarten. Straßenbahnfahrten waren in den Sechzigern Luxus für eine Arbeiterfamilie.

Als ich später meinen Kindern den Vorschlag machte, doch mit dem Bus oder der Straßenbahn zu fahren, musste ich mich tagelang mit dem sozialen Status innerhalb der Familie auseinandersetzen.
 
„Wie kannst du so was nur deinen Kindern antun? Mein Gott, du kannst deine Kinder doch wohl auf der Fahrt ins Büro zur Schule bringen.“ Was wäre wohl aus den Kleinen geworden, hätte ich damals schon das Argument über die Folgen des Klimawandels durch unnötige Autofahrten gehabt !?

Ja, die Not wächst mit den Ansprüchen.

Ich komme noch einmal auf die sportliche Zeit zurück. Diese tägliche Fahrradtouren machten mich tatsächlich nicht unbedingt sportlicher. Im Sportunterricht begnügte ich mich zwangsläufig, wohl wegen der großen Leistungsfähigkeit meiner Mitstreiter, wie in der Politik mit einem Überhangsmandat. Ich hatte eben Glück mitzulaufen und unter die letzten zu kommen.

Da war aber noch eine Sache, die ich bis heute noch nicht geklärt habe, das Kurzschuljahr.
Wir hatten damals im Vorfeld der 68er Weltkulturrevolution schon unsere ersten Erfahrungen mit den Veränderungen dieser Welt machen müssen.

Erst kamen die Mädchen an unsere Schule, was ja auch gut war, wer weiß, vielleicht wäre sonst die Hälfte unserer 10b irgendwann mal schwul geworden. Das wär´ ja nicht so dramatisch, wie man es hätte damals vermuten können. So hätte man sich außer zu den Klassentreffen immer noch mal hin und wieder in Köln treffen können.

Die zweite große Veränderung im Dasein eines Schülers war die Einführung des  Kurzschuljahres im Jahr 1966. Auch die Gustav-Stresemann-Realschule in Duisburg - Beeck schickte ihre elitären, nach Wissen gierenden Insassen in das im April 1966 beginnende und im November 1966 endende Kurzschuljahr. Eine vorzeitige Entlassung aus der Anstalt war angesagt, aber es machten nicht alle mit. So, da endet mein Erinnerungsvermögen, ich schmeckte nicht den Alkohol des Abschlussballs, hatte nicht meinen ersten Schmusetanz mit einem fremden Mädel und nicht nur mit meiner Cousine, irgendwo auf einem plattdeutschen Bauernabend. Was war geschehen?

Jetzt endlich, nach vierzig Jahren schmerzhafter Ahnungslosigkeit, habt ihr, liebe Schulkollegen, mich endlich über Euer heldenhaftes Durchhaltevermögen über das Kurzschuljahr hinaus aufgeklärt. Da gab es doch eine Gruppe von Widerständlern in der 10b, die sich weigerten, die Schule zu verlassen. Beeindruckend, Ihr hattet ja so Recht, carpe diem, warum nicht ein halbes Jahr lang mehr?

Die Zeit kann Euch keiner nehmen. Den Abschlussball auch nicht, ich habe die Fotos gesehen und mich gewundert, wo die Mädels herkamen. Ich hatte weder einen Abschlussball, noch …, o.k., das kam auch noch, aber ein bisschen später. Ich denke schon seit dem ich dieses Kapitel schreibe darüber nach, dass ich wohl doch während meiner Schulzeit zeitweise wie ein Maulwurf gelebt habe, einfach zu langsam und nichts mitgekriegt, was an der Oberfläche abging.

Nun gut, Leute, dieser Nachmittag im Schullandheim war für mich eine große Bereicherung und hat mir die damalige Zeit wieder ein bisschen näher gebracht. Ich habe mittlerweile meine Maulwurfgänge verlassen und blicke schon wieder ein wenig klarer durchs Leben, als es noch vor dem Ende meines vermeintlichen Endes war.

Dafür danke ich Euch, 10b.

Die ISBN-Nr. lautet: 9783839144831
Titel: FÜNF VOR HARTZ VIER    -  Das verwehrte Recht auf Arbeit
Autor: Jan Tjade (Pseudonym)
erschienen im BoD Books on Demand Verlag
 
Voraussichtliches Erscheinungsdatum ist der 5.2.2010
Ladenpreis: 14,95 EUR im Paperback