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 Sinn und Unsinn von Leserbriefen in der NRZ - Klartext - Vertrauen im Sinkflug

(Beitrag vom 30.10.2008 korrigiert am 08.07.2010)

Am 28.10.2008 habe ich einen Kommentar eines Mitarbeiters der NRZ in meiner Tageszeitung gelesen.
Der Titel des Artikels  "Vertrauen im Sinkflug" unter der Rubrik "Klartext" die ja nun auch suggestiert, das man hier klare Worte sprechen (schreiben) kann.


Der Artikel ist hier nachzulesen.

Ich fühlte mich genötigt, einen Leserbrief zu schreiben, der auch am 30.10.2008 veröffentlicht wurde.

Was mich dabei überraschte war, dass die NRZ diesen Leserbrief bis zur Unkenntlichkeit und vollkommen aus dem Zusammenhang reissend gekürzt hat. Zugegeben, der Leserbrief ist etwas lang geraten. Von Zensur möchte ich hier jetzt nicht reden. Besser und fair wäre gewesen, man hätte den Leserbrief gar nicht veröffentlicht.

Also Vorsicht bei Leserbriefen!

Original Leserbrief :
(gedruckt wurde nur der kursive Teil sowie ein Leserbrief der mit "Danke Herr Rindfleisch für Ihre tiefgründige ... " anfängt.)

Betrifft: „Klartext“ Vertrauen im Sinkflug vom 28.10.2008

Sehr geehrter Herr Rindfleisch,

ich kann hier natürlich nicht beurteilen, was sie zu dieser seltsamen Ansicht verleitet hat aber ich möchte ihnen sagen, dass mir bei dem morgendlichen Studium ihres „Klartextes“ die Luft weggeblieben ist das ich sogar zeitweilig zu Schnappatmung gewechselt habe.

Nicht nur dass sie den tausenden von Menschen im Osten unseres Landes unterstellen, dass ihr Hauptanliegen für die erste, wirklich friedliche und erfolgreiche Revolution unserer Geschichte nicht der Freiheitsgedanke war gehen sie noch einen Schritt weiter und diffamieren in gleicher Weise die Bürger aus den „alten“ Bundesländern, in dem sie Ihnen unterstellen, dass sie die „Demokratie“ nur wegen des so hoch gepriesenen Wirtschaftswunders lieben gelernt haben.

Ich bin ein Kind der ersten 50'er Jahre und habe den Aufschwung unserer „Demokratie“ von Anfang an mitgemacht und auch gesehen, dass die „soziale“ Marktwirtschaft seit Erhard bis heute als die wichtigste treibende Kraft unseres Landes von den politischen Eliten gesehen und verteidigt wird.

Wenn wir in den Medien den Diskussionsrunden, die fast ausschließlich durch Politik, Wirtschaft und Prominenz besetzt sind folgen, wundere ich mich auch immer wieder, dass die Wirtschaftsthemen meist den Diskussionsverlauf bestimmen. Ich verstehe natürlich, dass uns in dieser Art und Weise die Demokratie vorgeführt werden muss da wir ja selbst kaum Einfluss auf die Politik haben. Wenn wir die große Bundespolitik betrachten werden wir alle 4 Jahre für 3 Sekunden um unsere Stimme gefragt. Danach gibt es nur noch Show.

Ich glaube, dass ein großer Teil unserer Bevölkerung versteht oder zumindest ahnt, dass es keine Demokratie ist,

  • wenn das Volk seit fast 20 Jahren Wiedervereinigung immer noch keine Verfassung hat,
  • wenn bei so essentiellen Themen wie Atomkraft die Atomlobby mehr Mitspracherecht als der Bürger hat,
  • wenn die wichtigsten Ressourcen wie Schienennetze, Telekommunikationsnetze, Wasser- und Energienetze an die Globalplayer verschachert werden,
  • wenn in unseren Parlamenten Fraktionszwang ausgeführt wird,
  • wenn Gesetze in den Hinterzimmern durch übermächtige Lobbyverbände vorbereitet und erarbeitet werden,
  • wenn wir nicht an der großen Idee eines vereinten Europas (aus der EWG - also aus marktwirtschaftlichen Interessen entstanden) aktiv beteiligt sind,
  • wenn Politiker sich heute wundern, ja sogar entrüstet zeigen, dass die Bankenkrise uns ins Bodenlose fallen lässt obwohl sie ja erst vor wenigen Jahren die Gesetze dafür vorbereitet bzw. Gesetze, die das verhindern wollten (Managerhaftung) verhindert haben.
Für mich sind die besten Garanten für eine wirklich funktionierende Demokratie eine freie Presse und ein möglichst unabhängiger Journalismus der wachsam die gesellschaftliche Entwicklung verfolgt und aufklärt, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Herr Rindfleisch, ich hätte es begrüßt, wenn Sie einmal recherchiert hätten, ob die hochgelobte sinkende Arbeitslosenquote nicht mit teilweise unmenschlichen Bedingungen in Zeitarbeit und menschenunwürdigen Löhnen bei Minijobbern erkauft wurde. Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht jährlich riesige Berge von Statistiken (Die Statistik von 2007 umfasst 232 Seiten) aber nirgendwo findet man einfach nachvollziehbare Grafiken, die diese Problematik einmal für den einfachen Bürger überschaubar darstellt. Es ist Ihre Aufgabe, uns aufzuklären, den ganzen, ihnen zur Verfügung stehenden Apparat zu nutzen, um uns ein bisschen Staat näher zu bringen.

Es ist nicht Ihre Aufgabe, uns zu erklären, dass Demokratie ein Lebensgefühl ist welches nicht vom Auf und Ab der Finanzmärkte und den Jobstatistiken abhängig sein sollte. Das wissen wir selbst - wir vermissen es nur im Alltag. Es ist Ihre Aufgabe der Politik und der Wirtschaft auf die Finger zu klopfen, auf Ehrlichkeit zu überprüfen, und sich dafür einzusetzen, dass der Bürger in diesem Land aktiv an der Demokratie teilnehmen darf und das nicht nur für 3 Sekunden.

Herr Rindfleisch, ich habe das Gefühl, dass sie in Ihrem relativ sicheren Job den Ängste der Menschen in unserem Land genauso wenig folgen können wie die Politik. Unsere Demokratie ist eine wichtige Säule unserer Gesellschaft, aber nur so lange, wie die Macher dieser Demokratie den Menschen nicht aus den Augen verlieren und verstehen, das Arbeit und Geld für den Menschen da sind und nicht umgekehrt.

Wir finden zu viele Beispiele in der Geschichte der Menschheit in der große Kulturen einfach verschwunden sind und das sicher nicht wegen eines unfähigen Volkes sondern wegen Unfähigkeit, Gier, Dogmatismus, Werteverlust und Völlerei der Führungseliten.

Im Übrigen Herr Rindfleisch, bevor sich die schreckliche Herrschaft des NS-Regimes über unser Land hergemacht hat, hatten wir schon die Knospe einer zarten Pflanze der Demokratie gesehen. Wer dafür gesorgt hat, dass sich diese wahnsinnigen braunen Schergen trotzdem ausbreiten konnten, wollen wir hier nicht ergründen – das wissen Sie wahrscheinlich selbst, darüber hatten Sie auch einmal im „Klartext“ reden können für alle, die es vergessen haben oder es noch nicht wussten. Hier hätten Sie auch einmal klarstellen können, dass die damalige Form der Demokratie einigen Kreisen nicht gepasst hat, was Europa dann mit Millionen von Toten bezahlen musste.

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